Blog - Geschichten aus der natur

08. November 2022  -  Ein Nordamerikaner im Tessin

Ende Oktober machte auf einmal eine Meldung die Runde, mit welcher niemand gerechnet hatte. Ein Weidengelbkehlchen, ein kleiner Singvogel aus der Familie der Waldsänger, wurde in der Bolle di Magadino im Tessin entdeckt. Sofort strömten hunderte von Ornithologen und Fotografen ins Tessin. Eigentlich wollte ich mich auch auf den Weg machen, aber irgendwie entschied ich mich dann doch dagegen. Denn irgendwie reizte es mich anfangs nicht besonders in einer Menschenmasse zu stehen, wo links und rechts die selben Fotos geknipst werden. Für mich ist die Naturfotografie ein Platz wo ich mal etwas zur Ruhe kommen möchte und deswegen entschied ich mich auf halber Strecke einen Abstecher zu den Seeforellen zu machen, welche gerade am Laichen waren. Doch der heimliche Vogel ging mir nicht aus dem Kopf. Fast 2 Wochen nachdem der Vogel entdeckt wurde, hatte ich mal wieder ein Zeitfenster, welches ich für die Naturfotografie nutzen konnte. Früh morgens machte ich mich also auf die Reise ins Tessin. Während der Fahrt schrieb ich noch mit einigen Beobachtern aus den Vortagen um wertvolle Tipps für die Beobachtung zu bekommen. Da wurde mir erst richtig klar wie schwierig es sein wird, diesen Vogel zu fotografieren. Am Vortag wurde er nur gehört, aber nicht gesehen. Er huscht durch die dichte Schilfvegetation und ist meist nur mal kurz für wenige Sekunden zwischen den Schilfhalmen zu sehen. Doch was für eine Sichtung helfen würde, war sein Ruf.  Dieser prägte ich mir somit gut ein. Am Spot angekommen, war ich bis auf einen Tessiner Ornithologen ganz alleine. Das lange warten begann.. Oder doch nicht? Nach 10 Minuten hörte ich direkt hinter mir ein verdächtiger Ruf. Ich drehte mich auf dem kleinen Damm um, und mitten in einem komplett einzelnen Strauch sass er. In gerade mal 2m Distanz und seine Zitronengelbe kehle leuchtete mir zu. Was für ein Anblick! Also Kamera zücken und... weg ist er. In eine dichte Strauchreihe geflogen. Ich hörte ihn zwar noch, im dichten Geäst war er dagegen praktisch unsichtbar. Irgendwann fand ich dann doch eine Lücke, durch die ich ihn halbwegs Fotografieren konnte. Immerhin ein Beweis! Und schon war er wieder weg. Diesmal in einen noch dichteren Strauch. Ich zögerte kurz ob es sich überhaupt lohnen könnte, dort ein Fenster zu finden. Ich könnte ja in der Böschungsreihe auch ans Ende gehen und hoffen das er sich weiter in die Richtung bewegt. Allerdings wirkte das Weidengelbkehlchen überhaupt nicht berechenbar. Zum Glück entschied ich mich für die erste Variante. Denn mit ganz viel Verrenkung und Strecken des ganzen Körpers fand ich ein winziges Loch in dem ich einen Blick auf den Vogel der Begierde hatte. Wieder waren es nur 2 Fotos die ich machen konnte, jedoch reichte dies auch. Es war besser als ich es mir je hätte Vorstellen können. Das Herbstliche Braun im Hintergrund, ein paar Äste, die zeigen wie heimlich dieser Vogel lebt und ein modelndes Gelbkehlchen. Perfekt! Das warten hatte sich mehr als gelohnt! Denn wären so viele Personen wie in den Vortagen dort gewesen, hätte ich die Bewegungsfreiheit nie gehabt, mich auf dem Engen Damm so zu positionieren. Anschliessend verschwand der Vogel auf die andere Seite der Lagune. Ich blieb noch etwas vor Ort, als sich der Platz jedoch langsam mit Beobachtern füllte machte ich mich auf den Heimweg. Am Abend begriff ich erneut wie viel Glück ich hatte. Den in den Kommentaren der anderen Beobachtern von diesem Tag, war vermerkt, dass er sich den Rest vom Tag nur einmal im Flug auf der anderen Uferseite zeigte. Manchmal braucht man einfach nur Glück.